Fotografie

Jakob Steiger

 

FOTOGRAFIE

 

-EXAMENSARBEIT-

„Mann ohne Eigenschaften“ (2017)

 

Da sich die Fotografie durch ihre Reproduzierbarkeit auszeichnet, sind seit Beginn des 19. Jahrhunderts auch die Fragen nach Originalität und Fälschung im Diskurs der bildenden Künste lauter geworden. Durch Bildbearbeitung gerade im digitalen Feld hat sich die Glaubwürdigkeit einer Fotografie stark geändert. Nicht nur die künstlerische Fotografie erscheint dabei als beliebig veränderbares Objekt, sondern auch das massenhaft verbreitete mediale Bild.

Jedes Foto stellt also immer auch die Frage nach seiner Echtheit, nach seiner Faktizität und Authentizität. Der Blick des Betrachters möchte gerade die uneinholbare Spur des Gewesenen verfolgen, sich dem Sprung von Zeit und Raum hingeben und die tatsächliche Existenz des Abgebildeten als plausibel erachten.

Matthias Wähner hat in seiner Arbeit „Mann ohne Eigenschaften“ (1995) in faszinierender Weise die Bildproduktion und Bildrezeption seiner Zeit zur Disposition gestellt. Auf 40 verschiedenen Aufnahmen aus den Bereichen Kultur, Politik und Sport hat er mit Hilfe der digitalen Bildbearbeitung sich selbst in die Fotografien eingefügt. Mit dieser Positivretusche stellt er die Glaubwürdigkeit des medialen Bildes radikal in Frage und bezieht sich auch auf die Stellung des Künstlers, der mit seinem Gesicht und seiner Person für das Werk zu bürgen hat.

Matthias Wähner führt mit seiner Arbeit den Betrachter auf ein fragwürdiges Feld, auf dessen kontaminiertem Boden sowohl Künstler als auch Rezipient stehen. Erst diese Einsicht in die faktische Verstellung in das, was Gegenstand der Analyse und Infragestellung ist, ermöglicht die Bezugnahme zum Medium der Fotografie in einer kritisch reflektierten Dialektik.

Jakob Steiger greift die Arbeit „Mann ohne Eigenschaften“ auf, um die Auswahl von 40 Schlüsselbildern der Zeitgeschichte einer weiteren Veränderung zu unterziehen. Steiger setzt sich der Unmöglichkeit aus, den Eingriff in die Bilder wieder rückgängig zu machen, sofern er nicht einfach die ursprünglichen Fotografien verwendet. Vielmehr geht es ihm darum, durch eine erneute Retusche, diesmal einer Negativretusche, die Fragen nach der Fotografie und der Kunst neu zu stellen. In der Kunst, wie im Denken und auch in der Philosophie geht es darum, etwas zu präzisieren. Den Raum des Unbestimmten zu öffnen und dieser Öffnung eine Form zu geben, steht im Zentrum der gleichnamigen Arbeit „Mann ohne Eigenschaften“ von Jakob Steiger. Die Bruchlinie zwischen Unbestimmtheit und Bestimmtheit, welche jedes Kunstwerk genuin beschreitet, führt den Betrachter in den Raum einer inkonsistenten Realitätserfahrung und markiert eine Grenze, die von der Kunst nicht überschritten, sondern berührt wird. Die Brüchigkeit von Realität, die in dieser Berührung und aber auch in der Fotografie per se schon angezeigt wird, wird durch den ersten Eingriff von Matthias Wähner durch Verbergung, und durch den zweiten Eingriff von Jakob Steiger durch Offenlegung verstärkt. Jakob Steiger bedient sich ebenfalls der digitalen Bildbearbeitung, aber nicht in der Weise, dass die Bearbeitung nicht sichtbar sein soll, sondern gerade der Eingriff selbst als das Sichtbarste im Bild zu Tage tritt. Die Offenbarung der künstlerischen Intervention als Leerstelle im Bild greift dabei das Projekt der Moderne auf und verspricht durch die Beseitigung der illusionären Spur und Referenz

des Gegenstandes - damit der Freilegung einer ungesättigten Projektionsfläche -, dem Betrachter mehr Recht zuzusprechen als dem Produzenten.

Die aporetische Struktur von Kunst als Öffnung auf eine Grenze, als Öffnung auf das Unmögliche soll durch die Löschung von Bildinhalten verdeutlicht werden. Die ungenaue Arbeit mit dem digitalen Radiergummi gibt dabei jedoch noch Ahnung von dem dahinter Liegenden. Die Spur einer Spur bleibt. Vielleicht sogar die Spur einer Hoffnung?

Auch die Kunstgeschichte weiß um die würdigende Geste des Radierens.

Robert Rauschenberg hat die Bedeutung der Leerstelle in seinem Werk an zentrale Stelle gesetzt. Da aber eine Leerstelle nicht nur den Raum der Potentialität darzustellen versucht, sondern gleichzeitig bereits eine malerische Realität abbildet, birgt jede Leerstelle die Möglichkeit einer poetischen Einlassung. Nicht nur Rauschenbergs weiße Leinwände, die zu Projektionsflächen des Blickes werden können, zeugen von seinem Denken, sondern in viel stärkerer Weise auch das bekannte Werk „Erased de Kooning Drawing“ (1953). Rauschenberg hat hierbei über Wochen eine Zeichung von de Kooning mit dem Radiergummi bearbeitet, bis am Ende das fast vollkommen leere Blatt zurück blieb. Es war ihm dabei wichtig, ein echtes Kunstwerk als Ausgangspunkt seiner Arbeit zu wählen, da nur in dieser Form der Würdigung ein Eingriff aus seiner Sicht Sinn machte.

Den Vorwurf des „Vandalismus“ wehrte Rauschenberg schmunzelnd ab: „Es ist Poesie.“

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